TZI

Auf dieser Seite wende ich mich an TZIlerinnen und TZIler; ihnen möchte ich meine aktuellen Gedankengänge zu TZI mitteilen. Als Mitglied des Projekts „Weiterentwicklung der TZI“, das vor einem Jahr im Rahmen des soziokratischen OE-Prozesses begonnen hat, habe ich Ideen zur Weiterentwicklung der TZI aufgeschrieben.

In dem ersten Text, „Überlegungen zu dem Projekt Weiterentwicklung der TZI“, habe ich einige Ideen für mögliche Projekte, mit denen wir die TZI weiter entwickeln könnten, formuliert. Der Text enthält die Anmerkungen von Matthias Scharer und Brigitte Mazohl, die sie mir geschickt haben, kursiv gesetzt.

Der zweite Text, „Gegensatzeinheit – eine dialektische Denkfigur bei TZI“, bringt ein Beispiel für ein mögliches Entwicklungsprojekt, nämlich die Beschäftigung mit den Denkfiguren, die der TZI zugrunde liegen.

Es folgt ein Aufsatz aus Heft 1, 2019, der Zeitschrift „Themenzentrierte Interaktion“.

Überlegungen zu dem Projekt Weiterentwicklung der TZI

Im Folgenden möchte ich formulieren, wie ich Weiterentwicklung der TZI verstehe und mir vorstelle. Mit dem Wortteil „weiter“ wird leicht ein bewertendes „besser“ assoziiert. Dann heißt Weiterentwicklung Verbesserung. Ich wende mich gegen diese Denkweise und sehe uns vielmehr aufgefordert, die TZI grundsätzlich zu bedenken – nicht zu verbessern. Ich sehe uns aufgerufen Grundlagenforschung der TZI zu betreiben, d.h. die Grundlagen der TZI zu erforschen. Das sind einmal die Grundlagen, die die TZI bietet, zum anderen aber auch die Grundlagen, die das TZI-System bestimmen, es beeinflußt haben. Solche Untersuchungen laufen seit vielen Jahren. Kolleginnen und Kollegen versuchen herauszufinden, von welchen Geistesströmungen, von welchen Personen Ruth Cohn sich beeinflusst fühlte; mit welchen bedeutenden Zeitgenossinnen sie Kontakt hatte; aber auch welche Einflüsse in ihrem Gedankengut erkennbar werden, ohne dass sie selbst darauf hingewiesen hat oder sich dessen überhaupt bewusst war. 

Matthias: Ich stimme deiner Intention voll zu, gebe aber zu bedenken, dass „die Quellen“ bei weitem nicht vollständig bearbeitet sind. Eine solche Vollständigkeit anzustreben, wäre auch – u.a. beim Umfang von Ruth C. Cohns Nachlass, illusionär. Der Drang nach Vollständigkeit würde auch dem von dir monierten offenen Denken widersprechen. Gleichzeitig ist aber auch kritisch zu sehen, wo mögliche Kurzschlüsse auf Grund eines seit Jahrzehnten „eingefahrenen“, scheinbaren „TZI-Kanons“, etwa in der Gestalt, dass er Axiome, Postulate, Faktoren und Hilfsregeln“ umfasst oder sich in der Beschreibung des Curriculums für die Grundausbildung (vollständig?) abbildet. Ich erinnere an einige Zitate Ruth C. Cohns, die einer solchen Engführung, die du ja sicherlich nicht meinst, die ich aber mitunter in der TZI-Praxis oder auch in der Literatur abgebildet sehe, widersprechen:

Ich habe, als WILL [dt. Werkstatt Institut Lebendiges Lernen] in New York gegründet wurde, geheult wie ein Schlosshund, weil mir meine Kollegen den philosophischen und den transzendentalen Ansatz aus dem Prospekt streichen wollten, für den ich TZI erfunden hab. Ich hab es geschehen lassen und hatte damals das Gefühl, dass ich mich verkauft habe. Das ist auch heute noch so. Im Grunde ist für mich TZI die Möglichkeit, Einfluss auf Massen zu nehmen. Und ich sehe es auch heute noch als politisches Konzept und politische Methode. … Irgendwie weiß ich nicht, wie ich das schreiben könnte, was ich wirklich meine. 

…. Und alles andere, […] würde für mich nur sinnvoll sein,wenn ich es als politisches Manuskript schriebe. Ich mache immer wieder Ansätze dazu. […] Im Schreiben kommen mir immer wieder die Schullehrer […] oder was man erwartet dazwischen. 

Im Jänner 2000 (also 23 Jahre später) macht Ruth C. Cohn Notizen im Zusammenhang mit den Überlegungen des Verlages, den Farau- und den Cohn-Teil der „Gelebten Geschichte…“ in je einem eigenen Buch herauszubringen und das „Cohn-Buch“ um ein Kapitel zu ergänzen, das die Entwicklung seit 1983 (Erstausgabe von Cohn/Farau) darstellen soll. Dieses Notizblatt, das nicht mehr in einen veröffentlichten Text umgesetzt wurde, gebe ich bei. Es verweist mich auf die Unabschließbarkeit des Denkens Ruth C. Cohns, das ich höchst spannend finde.

Anmerkungen Brigitte Mazohl:

Unabschließbarkeit finde ich als Gedanken gut – ebenso das Bemühen, nicht zur „Verbesserung“, sondern zur Weiterentwicklung beizutragen.

Was mir besonders wichtig wäre: die TZI steht ja in der Entwicklung psychoanalytischer, psychotherapeutischer, pädagogischer, philosophischer Konzepte nicht allein da – es hat sich über die Humanistische Psychologie hinaus ja unglaublich viel getan, nicht zuletzt in der Gehirnforschung (wie lernt der Mensch überhaupt?) Kürzlich habe ich ein Buch von Gerhard Roth gelesen: Wie das Gehirn die Seele macht. Das ist zwar nicht die Richtung, die meine Sympathie hat, weil sie mir zu materialistisch ist, aber diese Dinge müssen doch wahrgenommen werden…. Ich habe immer wieder den Eindruck, dass die TZI-Community in ihren eigenen Denkkategorien und – mustern so gefangen ist, dass sie nichts mehr außerhalb sieht.

Als weiteren Untersuchungsgegenstand schlage ich die Denkmuster vor, die der TZI zugrundeliegen, z.B. die dialektische Denkweise, die ich in den Konstrukten der Gegensatzeinheit, der dynamischen Balance, der Interdependenz sehe. 

Matthias: „Denkmuster“ (oder wie immer man das nennen will) in der Offenheit, dass es auch jeweils andere geben kann (wie du das ja tust), herauszuarbeiten, halte ich für sehr angemessen. M.A.n. hat das nicht nur eine Bedeutung für ein tieferes Verstehen von Ruth C. Cohns Denken und des TZI-Konzeptes, sondern auch eine Relevanz für gegenwärtige Auseinandersetzungen in Philosophie, Bildungswissenschaften, Soziologie, Theologie usw., die unbedingt geführt werden müssen, damit TZI überlebt. Eine nur mehr „angewendete“ TZI würde m.A.n. relativ schnell verschwinden. In diesem Zusammenhang kommt mir der Gedanke, ob nicht auch in der Ausbildung, neben der Einübung der TZI-Haltung und der TZI-Methodik (die u.a. die Grundausbildung bestimmt), ein zusätzlicher Akzent auf das Verstehen des Konzeptes speziell in seiner (unabschließbaren) Offenheit (Helmut nennt es Dialektik) gelegt werden müsste. Gerade darin unterscheidet sich TZI m.A.n. u.a. vom Trend in den Bildungswissenschaften, der quantifizierbaren Outcome-Debatte im Zusammenhang mit Standards und Kompetenzen einen so breiten Raum zu geben. Ich denke, dass die TZI immer ein „Nischenkonzept“ sein und bleiben wird, das möglicherweise bereits heute mit Denk- und Handlungsmustern vertraut macht, die erst „übermorgen“ Anerkennung finden. Die sich ausbreitende Bologna Kritik nährt bei mir eine leise Hoffnung in diese Richtung. Weder die „Weiterentwicklung“ um jeden Preis noch die unbedingte Anschlussfähigkeit an den Massentrend, eröffnen Zukunftsfähigkeit. 

Die zentralen Quellen der TZI sind die Schriften von Ruth Cohn; die Hauptquelle sind ihre Schriften zu TZI; Nebenquelle sind andere Texte von ihr, z.B. ihre Gedichte. Auch dort liegen ihre Denkmuster zugrunde. Wir können die Gedichte vielleicht als Verstehensschlüssel für ihre TZI-Texte nutzen; wir können sie als Fortsetzung ihrer Gedanken auf anderer Ebene sehen. 

Matthias: Im Hinblick auf die Bedeutung der Gedichte für das substanzielle Verständnis der TZI bin ich unschlüssig. Das müsste genauer untersucht werden. Auf jeden Fall ist zu  beachten, dass sich Ruth C. Cohn zeitlebens als Lyrikerin verstand. Wir haben bis jetzt leider die Gedichte, die sie ab 7 Jahre geschrieben hat, nicht gefunden. Wohl aber noch welche aus der Zeit vor der Emigration in die Schweiz. Von den 374 Gedichten, die wir gefunden haben, sind 157 (in den beiden Gedichtbänden und in der pseudonymen Schrift „Eve Amat“ veröffentlicht) mehr oder minder bekannt. 217 Gedichte sind bisher völlig unbekannt und finden sich nur im Nachlass. Das letzte Gedicht, das wir gefunden haben, schrieb Ruth mit 92 Jahren. Sie schreibt jedenfalls, dass die Gedichte ihr ganzes Leben begleiten. Vor allem die politische und religiöse Dimension ihres Denkens und Fühlens drücken sich in den Gedichten aus (so staunt sie selbst darüber, dass ihre Gedichte „Gebete“ sind). Auf jeden Fall kann ich die „Themenzentrierung“, die mir für das TZI-Konzept zentral erscheint, nicht ohne Ruth C. Cohns Sprachkompetenz, die sich im Lyrischen verdichtet und ohne Paulo Freires politischem Impuls, den „generativen“ Themen bei Menschen nachzuspüren (und an denen zu „Alphabetisieren), nicht verstehen.

Daneben sehe ich noch Sätze, sprachliche Wendungen und erahnte Gedankengänge von Ruth Cohn, die Einzelne im persönlichen Gespräch, in Seminaren oder anderen Veranstaltungen aufgegriffen haben. Sie sprudeln als zusätzliche Quelle für ihr Gedankengut und damit für die TZI. Manche dieser Gedankengänge sind wohl schon einmal veröffentlicht worden. Als Erweiterung stelle ich mir ein Projekt vor, das mit der Fragestellung: „Welche Interventionen, welche Bemerkungen, welche Gedankengänge von Ruth Cohn haben mein persönliches TZI geprägt?“ eine systematische Sammlung von TZI-Prägungen anstrebt. Vieles würde sicherlich die etablierten TZI-Elemente bestätigen. Vielleicht würden in der Sammlung aber auch Gedankengänge auftauchen, die das Besondere an der TZI durch neue Farbnuancen in ein anderes Licht rückten. Bestimmt bekäme die Originalität der TZI eine neue Dimension, wenn neben die Schriften diese Überlieferungen träten.

Die Überlieferung enthält nämlich nicht nur die Weisheiten von Ruth Cohn, sie besteht auch daraus, wie die Lesenden und Hörenden diese Lehrsätze verstanden haben und verstehen. Beim Verstehen kommen die Vor-Prägungen derjenigen, die die Sätze aufgeschnappt haben, ins Spiel. Es gibt kein Verstehen ohne Hintergrund, vor dem und von dem aus verstanden wird. Die Weisheiten fielen – und fallen weiter – auf einen fruchtbaren Boden, den es schon vorher gab. Bei aller Einheitlichkeit in der Rezeption von Schriften und Gedankengängen: Wer sich nicht von seiner geistigen Herkunft entfremdet hat, fand und findet in diesen Äußerungen den ganz persönlichen Sinn – sei er nun bestätigt oder widerlegt. Die Literatur über TZI zeigt die Mannigfaltigkeit der Vor-Prägungen. Man findet in der TZI – so man von ihr eingenommen ist – was das eigene Verstehen von Welt geprägt hat; man findet die Werte, die einem persönlich wichtig sind. Die unterschiedlichen Herkünfte der TZIlerinnen führen zu einer Vielfalt von TZI-Verständnissen. Diese sollte man nicht vereinheitlichen; vielmehr sollte man sich an der Vieldeutigkeit der TZI erfreuen. 

Matthias: Die Idee für ein solches (qualitativ-empirisches) „Projekt“ finde ich sehr innovativ und könnte Gegenstand einer Dissertation sein. Spannend wäre auch, wie sich diese persönlichen Prägungen im Lauf der Zeit verändert haben.  

Ein Projekt könnte sein, Teile von Ruth Cohns Lehrsätzen neu zu formulieren. Helmut Reiser sagte mir in einem Gespräch über TZI-Weiterentwicklung: „Es braucht eine kritische Weiterentwicklung der TZI, die beginnt neu zu denken, sich an Neuformulierungen der Gedanken von Ruth Cohn wagt und sich nicht auf die Auslegung ihrer Texte beschränkt.“ Dabei geht es nicht darum, die Neuformulierung im Sinne von „zeitgemäß“ vorzunehmen. Dies würde bedeuten, sich in den internationalen Fortschrittsglauben einzureihen und anzunehmen, wir würden zunehmen an Weisheit im Verstehen der TZI. Ich glaube nicht, dass wir die TZI besser verstehen. Ich sehe eher eine Ausdifferenzierung – und die beschreibend, nicht bewertend verstanden! Wenn wir ausdifferenzieren, verstehen wir anders, aber nicht besser. 

Ein weiteres Projekt: die altbekannten TZI-Elemente Vierfaktorenmodell, Postulate, Axiome und Dynamisches Balancieren usw. auf dem Hintergrund des „TZI-Geistes“, im Rahmen der TZI-Denkmuster – wie z.B. der Dialektik – zu hinterfragen, neu zu bedenken und eventuell neu – also anders, nicht besser! – zu formulieren. Da befinden wir uns in dem Spannungsfeld von Verändern und Bewahren. Und es geht um Vielfalt der TZI, denn die einzelnen Personen unterscheiden sich in dem TZI-Geist, den sie favorisieren. Als Plattform für das Ausfalten dieser Fächer der individuellen Sicht- und Verstehensweisen auf und von TZI hat sich die TZI-Zeitschrift bewährt.  

Matthias: M.A.n. führt die Arbeit an „Denkmustern“ zu Ausdifferenzierungen, hinter denen dann auch ein nachvollziehbarer Begründungszusammenhang steht. Für mich ist z.B. das Resonanzverständnis, wie es H. Rosa interpretiert, anschlussfähig an das vom Gedanken der Allverbundenheit geleitete „Weltverhältnis“ (Interdependenz) der TZI; ähnlich ist es mit Rosas Begrifflichkeit der Unverfügbarkeit, Teilverfügbarkeit, Verfügbarkeit (oder verfügbar machen); auch in der philosophisch geprägten Soziologie von Zygmunt Bauman mit seiner Kritik an der „festen“ Moderne und der Ambiguitätstoleranz bzw. -freude finde ich Ansätze, die Ruth C. Cohns „Denkmuster“ an heutige Diskurse anschlussfähig machen (siehe: Scharer, Vielheit couragiert leben und Ruth C. Cohn – eine Therapeutin gegen totalitäres Denken) 

Bei der Erarbeitung der Bedeutung von Weiterentwicklung fällt es mir schwer, in einen wertfreien und nur beschreibenden Sprachgebrauch zu gelangen. Wenn ich Weiterentwicklung mit Erneuerung übersetze, lande ich wieder in einem Bedeutungshof, der Verbesserung verspricht. Ich möchte in unserem Projektauftrag die Aufforderung sehen, die TZI zu überprüfen, eine Revision vorzunehmen, die Grundlagen anzuschauen, Brauchbarkeit und Fruchtbarkeit der TZI auf den Prüfstand zu stellen. Vielleicht gilt dies für alle Sparten, also für Wissenschaft, Politik und Medien usw. überhaupt: nach einer Zeit der selbstverständlichen Abläufe innezuhalten, eine Revision vorzunehmen und die Grundlagen neu zu hinterfragen. Auf die Spitze getrieben: Das Rad immer mal wieder neu zu erfinden. (Ein aktuelles Beispiel: Man stelle sich einmal vor, die Überprüfung von Grundannahmen und gewohnter Praxis hätte sich als Gepflogenheit in der katholischen Kirche etabliert.) 

Einen Weg des Hinterfragens sehe ich in dem Aufspüren von Selbstverständlichkeiten, von Gewissheiten, die so elementar sind, dass sie nicht in die Bewusstheit kommen – wie die Luft zum Atmen oder die Schwerkraft, der wir als physische Objekte unterliegen. Meine Forschungsfrage: Welche Denkmuster, Denkroutinen, Denkwege, die die TZI prägen, lassen sich finden? Ich möchte herausfinden, welche selbstverständlichen Annahmen den Elementen des TZI-Systems zugrundeliegen. 

Wenn ich das Herausfinden von selbstverständlichen Denkmustern über die TZI hinaus denke, treibt mich persönlich die Frage um: Welches menschliche Grundbedürfnis verlangt nach Fortschritt? Wozu brauchen wir das Gefühl von Fortschritt? Wozu – außer bei einer Wanderung – das Gefühl voranzukommen? Eine Frucht dieses Bedürfnisses ist sicherlich die selbstverständliche Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum. Wieso reicht es uns Menschen – ich schließe mich mit ein – nicht, das Erreichte zu bewahren oder moderat abzubauen? Was treibt uns an? Die Kränkung der Sterblichkeit, der Endlichkeit? Die Belohnung für „Wer immer strebend sich bemüht…“? Es gibt bereits die Gepflogenheit „sich zu verkleinern“: Anläßlich des Auszugs der Kinder oder zu Beginn von Renten- und Pensionszeit zieht man in eine kleinere Wohnung, reduziert den Haushalt. Und das nicht nur mit Verlustgefühlen, sondern auch mit Erleichterung, mit dem Gefühl von Befreiung von Last und Verantwortung. Es gibt also schon Vorbilder für das Leben ohne die Notwendigkeit des Fortschritts, allerdings wohl nicht gesamtgesellschaftlich, nicht in der Wirtschaft und nicht in Technik und Technologie. 

Hier könnte als Projekt entstehen: Wie trägt die TZI dazu bei, dass Alternativen zur selbstverständlichen und grenzenlosen Wachstumsideologie entwickelt werden? Das Eintreten für Autonomie, Freiheit und Demokratie reicht da nicht aus. Die Lehrsätze „Grenzen sind erweiterbar“ und „Wachstum ist möglich“ mögen zur persönlichen Emanzipation ermuntern. Für Gemeinwesen und Organisationen taugen sie nur, wenn sie in Kontexte eingebunden und mit dem jeweiligen Gegensatz zu Gegensatzeinheiten vervollständigt werden. Zum Beispiel: „Grenzen sind erweiterbar – Freiheit sollte begrenzt werden, wenn sie zu Zerstörung und Leiden führt.“ und „Wachstum ist möglich – und ist zu begrenzen, wo das Wohlergehen von Mensch und Natur gefährdet wird.“ Selbstverständlich kommen wir beim Bedenken dieser Lehrsätze nicht auf die Idee, dass sie als Aufforderung zum schrankenlosen Wirtschafts-wachstum und zur grenzenlosen Naturzerstörung verstanden werden. Wir haben immer nur die gute Bedeutung im Sinn. Autonomie und Freiheit verlieren nicht an Bedeutung dadurch, dass sie missbraucht werden. Aber: Wir sollten auch bei diesen Werten an ihre Rückseite denken. 

Matthias: Tolle Projektideen!!!

Anmerkung Brigitte Mazohl

Ich verstehe das Anliegen, die Denkmuster genauer zu analysieren und tiefer in die Schriften von Ruth Cohn (und ihre Gedichte) einzutauchen – aber dazu müsste es, wie Matthias immer sagt, tatsächlich eine kritische Edition ihrer wichtigsten Schriften geben – und davon sind wir weit entfernt. Oder man nimmt sich Basistexte vor, die allerdings Matthias vorschlagen müsste, weil er die Quellen am besten kennt. Und dann geht man mit einer solchen Analyse in den Zirkel oder in eine noch größere Runde.

Mein Hauptanliegen dabei ist, die politischen/philosophischen Anliegen deutlicher zu machen als es derzeit – vor allem nach der Separierung von „Ausbildung“ und RCI-Community  – geschieht.

Mir sind die Kritikpunkte der „Jungen Erwachsenen“ unvergessen, die immer wieder auch andere Modelle und die gesellschaftliche Relevanz von TZI eingemahnt haben, unvergessen.

Die Idee, mit der Wachstumsideologie zu starten gefällt mir, zumal dazu ja auch Hartmut Rosa sich geäußert hat. Wer von den Graduierten beschäftigt sich mit Autoren solcher Art???

Gegensatzeinheit – eine dialektische Denkfigur bei TZI               

Ein Beitrag zur Weiterentwicklung der TZI

Dialektik als Denkweg der TZI

Das für mich bedeutsamste Denkmuster der TZI ist die Dialektik. Ihren Niederschlag im TZI-System findet diese Denkweise z.B. in den Spannungsfeldern, in Gegensatzeinheiten. Diese hat Helmut Reiser in seinem Theorieansatz herausgearbeitet. Auch er bezeichnet diese Denkweise als dialektisch. Die wohl bekannteste Gegensatzeinheit ist die von „Autonomie und Interdependenz“, wie sie standardmäßig genannt wird. Ich möchte aufzeigen, dass diese Polarität auf der Ebene der TZI-Theorie „Autonomie und Abhängigkeit“ genannt werden müsste und dass die Interdependenz einen eigenständigen Platz im TZI-System verdient.

Das dialektische Denkmuster ist eine Denkfigur, die die TZI grundlegend prägt. ((Damit setze ich den Gedankengang fort, den ich in dem Text „Dialektik – ein Grundzug der TZI“ (06-TZI_ 19-01 _Dialektik) erstmals veröffentlicht habe.)) Ich meine, dass das dialektische Denken der TZI in unserer globalen an Wirtschaftswachstum orientierten Welt fehlt. Ebenso wie die Achtsamkeit, die Selbst-Aufmerksamkeit auf die Gegenwart. Sie könnten das Korrektiv zu der weltweiten Flucht in die Zukunft sein.

Was ist Dialektik? 

Die dialektische Weltsicht besagt: Alles bewegt sich in Gegensätzen. Die Entwicklung von Natur und von uns Menschen vollzieht sich dialektisch, d.h. im Gegeneinander, in der Spannung, die zwischen entgegengesetzten Polen wirkt – wie in einem Magnetfeld. Entwicklung geschieht über die Zeit zirkulär, in Kreisen, nicht in linearem Fortschreiten Schritt für Schritt. Als Vater des dialektischen Denkens im Abendland wird Heraklit angesehen. Von ihm ist der Satz überliefert „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Als dem Satz zugrunde liegendes Denkmuster verstanden bedeutet er: Alles Sein – besser: alles Werden („Alles fließt.“) – entwickelt sich in einer Art Kampf, im Gegeneinander. Er sah die Welt als eine Ansammlung von Gegensätzen, z.B. Tag und Nacht, Wachsein und Schlafen, Eintracht und Zwietracht, die wie die Pole eines Magneten miteinander eine spannungsgeladene Einheit bilden. Die griechische Philosophie hat das dialektische Denken fortgeführt. Als Vertreter der Widerspruchs-Dialektik sehe ich Zenon von Elea. Er steht in der Reihe der sogenannten Vorsokratiker. Er hat eine Reihe Paradoxa zur Verteidigung der Lehre des Parmenides formuliert. 

In der philosophischen Kommunikation von Platon-Sokrates konzentriert sich das Verfahren der Dialektik auf das Gegeneinander von Rede und Gegenrede. Die Grundstruktur der platon-sokratischen Dialoge ist das Gespräch. Ihre Dialektik bewegt sich im Wechsel von Rede und Gegenrede, Argument und Gegenargument. Ihr Ziel war zur Wahrheit zu gelangen mithilfe der Ideen, dem Wesen, welches allen Dingen zugrunde liegt und sie prägt. In diesem unbedingten Glauben an die Wahrheit des vernunftgeleiteten philosophischen Disputs kann man Platon-Sokrates als Vorläufer der Aufklärung sehen. Mit der Forderung nach „logon didonai“ verlangt er nach begrifflicher Begründung, nach Rückführung auf die Vernunft, nach rational begründender Argumentation. Damit stellt er wie die Aufklärung das vernünftige Denken und Handeln als Wesen und Aufgabe des denkenden Lebewesens Mensch dar. 

Ich sehe die Figur Platon-Sokrates in der Nachfolge von Heraklit: die Gegensätze stehen lassen, in Fragen statt Antworten denken, in Rätseln statt in Lösungen sprechen. Dies auch ein Kennzeichen der TZI-Axiome von Ruth Cohn: „Denn keines der Axiome benennt eine Lösung; jedes der Axiome präzisiert eine Frage, der Priorität zukommt.“ (Reiser 1989 S.21) Auch wenn Ruth Cohn ihre Denkweise nicht als dialektisch bezeichnet, so sehe ich sie und die TZI in der Tradition der dialektischen Weltsicht von Heraklit, Zenon und Platon-Sokrates. In paradoxen Wendungen wie z.B. „Wir haben wenig Zeit. Wir müssen besonders langsam arbeiten.“, in dem Theorieelement Gegensatzeinheit, in der sich die überlieferte Wendung von Heraklit wörtlich wiederholt, sehe ich die Dialektik nicht nur als ein Denkmuster, sondern als das Denkmuster der TZI. 

Zur Gegensatzeinheit Autonomie und Abhängigkeit 

Im Rahmen seiner Entwicklung einer TZI-Theorie hat Helmut Reiser das Denkmuster Gegensatzeinheit herausgestellt. Neben die bisherigen bildlichen Darstellungen der TZI setzt er eine neue Ebene der Abstraktion, einen systematischen Theorieansatz. Dabei betont er wiederholt die dialektische Denkweise, so z.B. in der „Einführung in die Themenzentrierte Interaktion“ unter Mitarbeit von Andrea Dlugosch, 1998 FernUniversität in Hagen: „Cohn löst den Widerspruch zwischen Autonomie und Interdependenz auf klassische dialektische Weise, indem sie die Einheit des Gegensatzes betont und in der Synthese zusammenführt: „Die Autonomie des einzelnen ist um so größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewußt wird.“ (ebd. S. 21) Diese Passage enthält meiner Ansicht nach einen logischen Fehler. In einem Gedankengang wird die Interdependenz in zwei unterschiedlichen Rollen auf unterschiedlichen Ebenen verstanden: einmal als Gegensatz zur Autonomie und dann als Synthese. Wenn wir uns fragen „Synthese zwischen welchen Thesen, also zwischen welchen Gegensätzen?“ dann kann die Antwort nur lauten: „Synthese zwischen Autonomie und Abhängigkeit“. 

Im Rahmen seiner Entwicklung einer TZI-Theorie hat Helmut Reiser das Denkmuster Gegensatzeinheit herausgestellt. Neben die bisherigen bildlichen Darstellungen der TZI setzt er eine neue Ebene der Abstraktion, einen systematischen Theorieansatz. Dabei betont er wiederholt die dialektische Denkweise, so z.B. in der „Einführung in die Themenzentrierte Interaktion“ unter Mitarbeit von Andrea Dlugosch, 1998 FernUniversität in Hagen: „Cohn löst den Widerspruch zwischen Autonomie und Interdependenz auf klassische dialektische Weise, indem sie die Einheit des Gegensatzes betont und in der Synthese zusammenführt: „Die Autonomie des einzelnen ist um so größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewußt wird.“ (ebd. S. 21) Diese Passage enthält meiner Ansicht nach einen logischen Fehler. In einem Gedankengang wird die Interdependenz in zwei unterschiedlichen Rollen auf unterschiedlichen Ebenen verstanden: einmal als Gegensatz zur Autonomie und dann als Synthese. Wenn wir uns fragen „Synthese zwischen welchen Thesen, also zwischen welchen Gegensätzen?“ dann kann die Antwort nur lauten: „Synthese zwischen Autonomie und Abhängigkeit“, „Synthese zwischen Autonomie und Dependenz“. 

Autonomie, genauer psycho-mentale Autonomie, also die empfundene Selbständigkeit und Freiheit, bedeutet nicht, dass es keine physische Abhängigkeit, Unfreiheit usw. gibt. Die beschwörende Formel „Die Gedanken sind frei.“ weist auf die mentale Freiheit hin. Sie hebt damit aber die physische Gefangenschaft nicht auf. Vielmehr bestehen beide Zustände gleichzeitig und nebeneinander. Die Formel mag dazu anregen und aufrufen, die Freiheit des Denkens zu verspüren und sie zu nutzen, die Gefangenschaft phasenweise zu vergessen, also aus der Bewusstheit fallen zu lassen oder zu verdrängen. Sie aus der Welt zu schaffen vermag sie aber nicht. Diese reflektierte Abhängigkeit – man könnte vielleicht sagen: diese autonomierte Abhängigkeit – als Interdependenz zu bezeichnen hilft sicherlich die Gefangenschaft besser ertragen zu können. Sie relativiert eine mögliche – mentale – Fixierung auf das Gefangensein, macht die Gedanken vielleicht so frei, dass die Gefangenen eine Flucht planen können. Aber: Auf der Theorieebene bewirkt der Begriff der Interdependenz als Gegenpart zu Autonomie, dass die Abhängigkeit – hier die Gefangenschaft – verschleiert bzw. geleugnet wird. In dieser Denkweise lässt die Theorie das Einbeziehen des Gegenpols vermissen, sie verlässt die dialektische Denkweise der Gegensatzeinheit. Und das zeichnet die Beschwörung der Gedankenfreiheit gerade aus: Sie beschwört die Freiheit des Denkens gegen die wahrgenommene und erlebte Tatsache der real existierenden Gefangenschaft, eine Spielart von Abhängigkeit. Freiheit des Denkens und physische Gefangenschaft sind zwei gleichzeitige Tatsachen.

Während das dialektische Denkmuster Gegensatzeinheit auf der konkreten Ebene Denken, Fühlen und Handeln bestimmt, wird es auf der Ebene der traditionellen TZI-Theorie mit dem Gegensatzpaar Autonomie und Interdependenz außer Kraft gesetzt. Indem der Begriff Interdependenz den Widerspruch von Autonomie und Abhängigkeit aufhebt, bekommt er den Charakter einer Synthese. Als solche gaukelt er vor, es gäbe eine abhängigkeitsfreie Autonomie. So versucht er als Synthese auf der Theorieebene das Dilemma zu versöhnen. Versöhnung gehört sich aber nicht auf die Theorieebene, sondern auf die Ebene des Lebens der handelnden Personen. Und dort liegt die stärkende, aufbauende und emanzipierende Wirkung der Interdependenz. Sie wirkt wie eine Erleuchtung, wie ein existentielles Aha-Erlebnis. So bekommt die Interdependenz einen quasi-religiösen Charakter; sie wirkt als Glaubenssatz. Dieser befreit mich von meiner Fixierung auf die Abhängigkeit, Unfreiheit usw. Er eröffnet mir die Sicht auf das Andere.

Diese Befreiung ist aber nur die halbe Wahrheit. Dass ich meiner Autonomie im Rahmen der Abhängigkeit bewusst werde, ist die eine Wirkung. Die notwendige Ergänzung im Sinne des Denkmusters „Beachte auch die Gegenseite“ bringt das umgekehrte Verhältnis in den Blick. Die Bewusstheit meiner Autonomie im Rahmen der Abhängigkeit wird komplettiert durch die Bewusstheit meiner Abhängigkeit im Rahmen der Autonomie. Wie es keine Abhängigkeit ohne Autonomie gibt, so gibt es auch keine Autonomie ohne Abhängigkeit. Ein Beispiel für die zirkuläre Denkweise Dialektik. 

Wenn ich für das Paar Autonomie und Abhängigkeit nach alternativen Ausdrücken suche, die dass Gegeneinander sprachlich, also über die Wortwahl in den Blick führen, bietet sich der Gegensatz Unabhängigkeit und Abhängigkeit an. Daran stört aber, dass autonom in seiner Bedeutung umfassender ist als unabhängig. Passender erscheint das Gegensatzpaar selbstbestimmt und fremdbestimmt. In dieser Wortwahl ist das Gegeneinander direkt ausgedrückt und unmittelbar einsichtig. 

Welchen Platz könnte die Interdependenz in der TZI-Theorie einnehmen? 

Bisher habe ich dafür geworben, als Gegenpol zur Autonomie nicht die Interdependenz zu nehmen, sondern die Abhängigkeit. Ruth Cohn spricht in Zusammenhang mit Interdependenz wiederholt von Verbundenheit und dieser Begriff wird in der TZI-Literatur häufig gebraucht. Ich finde den Begriff zu psychologisch, er ist in der Nähe von Beziehung, von autonomer und gleichberechtigter Beziehung zwischen Menschen. Zudem bewegt er sich auf der mentalen Ebene, ist quasi ein Bewusstseinsphänomen, keine physische Gegebenheit. Dieser Begriff enthält zu viel Autonomie und Verfügbarkeit (H. Rosa); in ihm ist jede Erinnerung an Abhängigkeit gelöscht. Besser erscheint mir der Begriff angewiesen. Ich denke dabei an den Säugling, der auf Resonanz, Zuwendung und Aufmerksamkeit aus seiner Umgebung angewiesen ist, um lebensfähig zu sein. Als erwachsener Mensch mag man der Illusion erliegen, alles im Griff zu haben, da man selbst für seine Ernährung und sein Wohlbefinden sorgen kann. Man mag sich von seiner Abhängigkeit vom Handy-Empfang, vom Gruppendruck und von Verkehrsverbindungen frei machen können – den Auswirkungen einer Naturkatastrophe oder einer Pandemie kann man sich nicht entziehen. Da endet die vermeintliche Herrschaft des Menschen über sein Leben. Was aber auch dann bleibt: „Die Gedanken sind frei.“ Ich kann in der Regel über meinen Umgang mit meinen Abhängigkeiten selbst bestimmen. So verstehe ich die Interdependenz als weitgehend – nicht total – selbstbestimmten Umgang mit meinen Abhängigkeiten. 

Die Interdependenz ist ein zentrales Denkmuster im TZI-System. Sie ist ein genialer Einfall von Ruth Cohn. Mit der Fähigkeit zur Bewusstheit der Interdependenz kann es mir gelingen, meine – partielle – Selbstbestimmtheit in der gegenseitigen Abhängigkeit mit anderen aufrechtzuerhalten oder wieder zu gewinnen. Meine Einsicht in die Gegebenheit und mein Annehmen der Realität, dass ich auf andere angewiesen bin, versetzen mich in die Lage gleichzeitig abhängig und selbstbestimmt zu sein. Die Interdependenz versöhnt die wiederstrebenden menschlichen Grundbedürfnisse dazu zu gehören und gleichzeitig selbständig zu sein, in der Gruppe aufzugehen und gleichzeitig etwas Besonderes zu sein. Es ist Ruth Cohn gelungen das Dilemma, den Widerspruch zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung in einem Begriff zu lösen.  Dies ist ein Beispiel für ihre dialektische Denkweise. Meine Begeisterung für die Interdependenz hat mich erst sehr spät an der Logik der Gegensatzeinheit „Autonomie und Interdependenz“ zweifeln lassen.

Die Interdependenz hat zwei Seiten: Einerseits wirkt sie in der Bewusstheit. Noch einmal das Zitat: „Die Autonomie des einzelnen ist um so größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewußt wird.“ Die andere Seite ist ihr Charakter als Existenzweise. Zunächst als Existenzweise des Menschen, des Lebewesens mit Bewusstheit. Darüber hinaus aber als Existenzweise von allen Lebewesen und Dingen: in der Allverbundenheit. Alles existiert im Verbund; es gibt nichts und niemanden als isolierte Existenz.

Wenn die Interdependenz nicht als Gegenüber zur Autonomie taugt, wo könnte der ihr gebührende Platz im TZI-System sein? In seinem Buch „Psychoanalytisch-systemische Pädagogik“ (S. 74f) greift Helmut Reiser die Sichtweise von Kegan auf, für die Person-Entwicklung zwei entgegengesetzte und miteinander verbundene Grundbedürfnisse anzunehmen: Verlangen nach Selbständigkeit und Verlangen nach Zugehörigkeit. Das ist vielleicht der Platz für die Interdependenz: die Ebene der Grundbedürfnisse. Der einzelne Mensch, das Individuum ist zur Selbstbestimmung befähigt. Als soziales Wesen ist er gleichzeitig auf andere Menschen angewiesen. Darüber hinaus ist er physisch für sich und verbunden mit der Welt. In diesem Spannungsfeld, in dieser Gegensatzeinheit lebt der Mensch. 

Mit diesen Gedanken gehe ich zu Reisers „Orientierungsebenen der TZI“ (Reiser 1998 S.20). Die Ebene der Theorie enthält Faktoren der menschlichen Existenz. Die Interdependenz verstehe ich als einen Faktor der menschlichen Existenz, vergleichbar mit dem Faktor „freie Entscheidung“. Für die Reisersche Triade 

a)Autonomie b)Interdependenz 
c)Bewusstheit
schlage ich vor
a)Autonomieb)Abhängigkeit
c)Bewusstheit der Interdependenz

Dies ist mein Vorschlag unter dem Gesichtspunkt der Logik. Wenn ich wirkungsorientiert verstehe, d.h. die Logik außer acht lasse und mich auf die tatsächliche Wirkung konzentriere, ist festzustellen:  Die logisch falsche Gegensatzeinheit „Autonomie und Interdependenz“ hatte jahrzehntelang eine positive Wirkung für die Entwicklung vieler Personen. Ich persönlich empfand es als aufbauend, dass ich als tragende Basis die Autonomie zugesprochen bekam und sie mir gleichsam einverleibte. Und gleichzeitig befreiend, dass ich von diesem Fundament her meine Abhängigkeiten als Interdependenzen verstehen durfte. Die Botschaft war: Du bist ein von Grund auf selbstbestimmtes Wesen; die kannst dich frei und unabhängig entfalten. 

Diese Botschaft war nicht auf die TZI beschränkt. es war und ist eine Botschaft, die die Menschheit erobert hat. Die negative Nebenwirkung, die ich inzwischen sehe, zeigt sich gesamtgesellschaftlich und global. Die frühere amerikanische Ideologie als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ wurde auf die Person übertragen: Person mit unbegrenzten Möglichkeiten. Diese Personen ohne Grenzen und die Staaten ohne Grenzen führten zwangsläufig zu der Überzeugung: Wir haben das Recht, ja geradezu die Pflicht zur grenzenlosen Entfaltung und zur grenzenlosen Industrialisierung. Dieses Selbstverständnis hat zum Wirtschaftsliberalismus mit der Forderung nach grenzenlosem Wirtschaftswachstum geführt. Den „zivilisierten“ Industriestaaten war und ist es demnach erlaubt, auf Kosten der ehemals „dritten Welt“ zu expandieren; den wenigen „smarten“ Personen ist es gegeben, Vermögen auf Kosten der unbemittelten Masse anzuhäufen. 

Diese Entwicklung widerspricht dem Geist der TZI. Wie können wir dazu beitragen, dass der „Ungeist aus der Flasche“ eingefangen und sein zerstörerisches Wirken verringert wird? Vielleicht müssen wir zuerst einmal gewahr sein, dass wir auch im Rahmen der humanistischen Psychologie jahrzehntelang im naiven Fortschrittsglauben mit geschwommen sind. Es braucht wohl eine Unterbrechung und ein Innehalten. Vielleicht passt es dann auch, dass wir die Abhängigkeit als existentielle Gegebenheit von uns Menschen für selbstverständlich halten.

Literatur: 

Helmut Reichert, Dialektik – ein Grundzug der TZI. in: Themenzentrierte Interaktion Heft 1/2019 

Helmut Reiser, Einführung in die Themenzentrierte Interaktion“ unter Mitarbeit von Andrea Dlugosch, 1998 FernUniversität in Hagen

Helmut Reiser, Psychoanalytisch-systemische Pädagogik. Erziehung auf der Grundlage der Themenzentrierten Interaktion. 2006, Kohlhammer Stuttgart  

Helmut Reiser, Vorschlag für eine theoretische Grundierung der Themenzentrierten Interaktion, in: Themenzentrierte Interaktion 2/2014

Nachbemerkung

Während der Abfassung dieses Textes war ich im Austausch mit Helmut Reiser, dem ich für seine Unterstützung danke. Mit seiner Erlaubnis zitiere ich eine Rückmeldung von ihm: 

„Ich stimme deinen Überlegungen voll zu. Die Herleitung des Vergessens der Abhängigkeit aus der Aufklärung erscheint mir plausibel. Deiner Hypothese von der Überbetonung der Autonomie bei vielen heutigen Pädagog/innen stimme ich voll zu. Es ist schon seltsam, dass ich, der ich ein Leben lang für die Aufhebung der Abhängigkeit zu kämpfen glaubte, erst im hohen Alter und bei starker Überdosis der Abhängigkeit diese Zusammenhänge durch Deinen Anstoß wahrnehmen konnte: Es dreht sich um den Umgang mit Abhängigkeit, nicht um deren Aufhebung. 

Folgende Episode erfuhr ich von Dornes, dem Verfasser des Buches „Der kompetente Säugling“, das zum Bestseller wurde. Die Konzentration auf die Kompetenz war Dornes zu einseitig und er untersuchte mit einer Forschungsgruppe auch die Abhängigkeit des Säuglings/von Kindern. Doch dieses Buch hatte Verkaufszahlen gegen Null. Es mögen verschiedene Ursachen für diese Differenz eine Rolle spielen. Sie illustriert jedoch ein Stück Modeerscheinung.“ 

Dialektik – ein Grundzug der TZI